Benfizveranstaltungen des Akademischen Vereins

Benfizveranstaltungen des Akademischen Vereins

Wenn jemand von diesem Titel überrascht sein sollte, dann liegt das ganz einfach daran, daß hierüber seit vielen Jahren nicht mehr berichtet wurde. Man ahnt mehr als man konkret weiß, der Akademische Verein widmete sich vor Zeiten großen Aufgaben und genoß ein besonderes Ansehen in der Öffentlichkeit.Was auch sonst hätte Großherzog Ludwig IV und später dann seinen Nachfolger Ernst Ludwig bewegen können, das Protektorat über den Akademischen Verein zu übernehmen? Bei der Frage, was den Verein auszeichnete, wird man zunächst an den satzungsmäßigen Vereinszweck des frühen Akademischen Vereins denken, nämlich die Interessenvertretung für die Studentenschaft. Hierzu erschien kürzlich der im Mitteilungsblatt Nr. 147 abgedruckte Artikel. Es gab aber noch weitere besondere Leistungen in den ersten 30 Jahren unserer Vereinsgeschichte.

Benefiz 1 In erster Linie waren dies die jährlich veranstalteten Musikalisch-Dramatischen Aufführungen mit anschließendem Ball zum Besten bedürftiger Lehrerwitwen des Großherzogtums in der Zeit von 1889 bis 1900. Wobei die Veranstaltung ab dem bezeichneten Datum ausschließlich in Händen des Akademischen Vereins lag und auf dessen alleinige Rechnung und Risiko erfolgte (Bild 1 von 1890). Mit den verschiedenen Martinspfadkonzerten zu Gunsten der Anlage und Bepflanzung des Martinspfades, einer Verlängerung der Martinstraße in Bessungen, unterstrich der Akademische Verein seine Existenzberechtigung und festigte seinen guten Ruf in der Bürgerschaft und an der Hochschule. Diese Konzerte erstreckten sich über den Zeitraum von 1886 bis 1895 (Bild 2 von 1894).
Schließlich markiert der März 1902 mit der Ausrichtung einer Konzert- und Theater-Aufführung mit anschließendem Ball zum Besten der Errichtung des Goethe-Denkmals im Herrngarten einen Abschluß des besonderen sozialen Engagements (Bild 3 von 1902).

Erwähnt, aber hier nicht weiter ausgeführt, sei die Beteiligung des Akademischen Vereins an den Veranstaltungen der Studentenschaft zur Mittelbeschaffung für den Bismarckturm auf dem Dommersberg und die Mitwirkung im Bismarckturm-Ausschuß im Zeitraum von 1899-1908.
Später stellte sich der Akademische Verein nur noch vereinzelt seiner sozialen Verantwortung. Ein Beispiel dafür ist die Beteiligung am Professorenfest der Technischen Hochschule zu Gunsten der Studentischen Wirtschaftshilfe vom Februar 1924, wobei der Akademische Verein mit einer Türkischen Kaffeestube vertreten war (Vereins-Bericht Nr.164). Benefiz 2

Aus welchen Quellen kommen die genannten Angaben? Gut dokumentiert ist die fragliche Epoche in unserer Festschrift zum 40. Stiftungsfest (ein Exemplar befindet sich auch im Bestand des Staatsarchivs Darmstadt). Dagegen erscheint die Festschrift zum 25. Stiftungsfest in diesem Zusammenhang weniger aufschlußreich. Zeitnäher sind die frühen Jahresberichte für die Jahre von 1877 bis Anfang 1902. Mehrere dieser Berichte liegen in der ULB Darmstadt und einige davon wurden in den letzten Jahren als Kopien unserer Sammlung eingegliedert. Trotzdem bleibt die Sammlung lückenhaft. Benefiz 2

In der Chronik zum 90. Stiftungsfest (Mitteilungsblatt Nr. 38) kommt der Begriff „Musikalisch-dramatische Aufführung mit anschließendem Ball“ vor, aber auch kein Wort mehr. Leider klammert dann unsere wichtige letzte Festschrift, die zum 100. Stiftungsfest (Mitteilungsblatt Nr. 66) das Thema Wohltätigkeitsveranstaltungen völlig aus. Lediglich der im gleichen Heft abgedruckte Festvortrag verweist auf die „großzügig organisierten geselligen Veranstaltungen … Sommerkasinos und Bälle“.
Im heutigen Beitrag sollen nun nicht hauseigene Festschriften neu formuliert werden. Inzwischen fand sich nämlich neues Quellenmaterial, was entsprechend ergänzende Erkenntnisse ermöglicht. Ich möchte mich hier auf Zeitungsartikel aus dem Darmstädter Tagblatt und aus der Darmstädter Zeitung jener Tage beziehen und auf die erwähnten frühen Jahresberichte. Als Ergebnis der Recherchen existieren jetzt Kopien und Dateien entsprechender Zeitungsveröffentlichungen für jedes der Jahre von 1872 bis 1880. In den darauffolgenden drei Jahren veranstaltete der Akademische Verein den Jahresberichten zufolge keine Benefizveranstaltungen. Für jedes der anschließenden Jahre 1884 bis 1900, ausgenommen 1887 (Kaiserjubiläum) und 1888 (Dreikaiserjahr) und für 1902, sind jetzt ebenfalls entsprechende Dateien vorhanden. Damit wird unsere alte Vereinsgeschichte plötzlich sehr präsent und anschaulich und es ist geplant, die Dokumente für Interessenten online zu stellen.

Bei praktisch allen Wohltätigkeitsveranstaltungen wirkten vereinseigene Laienmusiker mit und aus den Reihen der Aktiven kamen auch die Darsteller der Theaterstücke, wobei die Frauenrollen erst später von befreundeten Damen gespielt wurden. Ohne den Zusammenschluß des Akademischen Vereins mit dem Akademischen Musikverein vom Juni/Juli 1876 wären die Veranstaltungen kaum möglich gewesen. Bemerkenswert sind zunächst die enormen Vorleistungen für die gesamte Organisation, für die Saalmieten, für die zur Verstärkung des eigenen Orchesters engagierten Musiker und die Solisten und für die Dirigenten. Von irgendwelchen öffentlichen Zuschüssen ist nichts zu lesen. Bemerkenswert ist außerdem der mit dem Einstudieren der Theaterrollen und der Musikstücke verbundene enorme Zeitaufwand. Dabei wurden jedes Jahr andere Theaterstücke gespielt und die Musikbeiträge wechselten ebenfalls („Reinecke Fuchs“ von Otto Roquette wurde dreimal aufgeführt, jedoch im Abstand von jeweils fünf Jahren). Vereinzelt konnten jedoch Teile der Aufführungen auch bei vereinsinternen Feiern verwendet werden. Den Quellen zufolge verteilte der Akademische Verein die eingespielten Geldmittel an die Lehrerhinterbliebenen „nach Maßgabe der Bedürftigkeit“. Das änderte sich im Laufe der Jahre und ab ca. 1894 diente der „Reinertrag durch Vermittelung der Ludwigs- und Alicestiftung zur Unterstützung armer Lehrerwitwen des Großherzogtums“.
Veranstaltet wurden die ersten derartigen Aufführungen „von Studierenden des Polytechnikums“. Offensichtlich gab der Darmstädter Professor für Geschichte und Literatur, Dr. Otto Roquette, einen maßgeblichen Anstoß dazu (Otto Roquette, Siebzig Jahre – Geschichte meines Lebens, 1894, 2.Band, S.212 ff). Dessen Theaterstücke „Reinecke Fuchs“ und „Rhampsinit“ wurden dann auch 1872 und 1874 von den Studierenden aufgeführt. Im Februar 1876 trat der bis dahin eigenständige „Akademische Musik-Verein“ als Veranstalter in Erscheinung, unmittelbar vor dem offiziellen Zusammenschluß mit dem Akademischen Verein. Die entsprechende Zeitungsannonce lautet „Aufführung des akademischen Musik-Vereins“ und es unterzeichnet „Der Vorstand des akademischen Musik-Vereins“.

Es habe aber immer schon Doppelmitgliedschaften zwischen den beiden Vereinen und mit der früheren Musik-Gesellschaft gegeben, wie in den Jahresberichten ausgeführt wird. 1880 taucht unser Vereinsname in einer Annonce auf: Die aufgeführte komische Oper „Don Juan“ wurde „gedichtet von einem Mitgliede des Academischen Vereins“. Für 1885 und 1886 lautet der Annoncentext: „arrangiert vom Akademischen Verein“ und ab 1889 tritt dann der Akademische Verein als alleiniger Veranstalter auf, wie bereits erwähnt. Als Veranstaltungsort diente ab 1874 der größte Saal der Stadt, nämlich der große Saal des Städtischen Saalbaus, später ist in den Zeitungskritiken von „den Räumen des Saalbaus“ die Rede. Der Veranstaltungszeitpunkt lag traditionell in der Faschingszeit. Zu dem „ebenso distinguierten wie zahlreichen Publikum“ zählte die Professorenschaft mit Familien und von Zeit zu Zeit auch der Großherzog mit Gefolge. Zum Ballbesuch waren nur die persönlich eingeladenen Gäste berechtigt, später war „Die Teilnahme an demselben … nur den im Ballanzuge (Frack) Erschienenen gestattet“.

Beim Durchsuchen der alten Zeitungen fällt die große Zahl von bürgerlichen Vereinigungen auf, die sich der Unterstützung in Not geratener Mitbürger oder sonstiger sozialer Aufgaben widmeten. Andere studentische Gruppierungen befanden sich nicht darunter. Der Akademische Verein mußte demnach gegen starke und auch professionelle Konkurrenten antreten. Zunehmender Konkurrenzdruck und ungenügende Einnahmen führten dann auch zur Einstellung dieser Veranstaltungsreihe, wie im Jahresbericht für das Vereinsjahr 1900/1901 zu lesen ist. Die Benefizveranstaltungen des Akademischen Vereins für das Martinspfadprojekt waren Sommer- und Gartenfeste. Sie wurden in der Restauration Haust (vormals Markwort) und in deren Garten Ecke Herdweg und Martinstraße veranstaltet. Als Beginn dieser Veranstaltungsserie nennt die Festschrift zum 25. Stiftungsfest das Sommer-Semester 1886.
Über eine solche Veranstaltung wird im Jahresbericht für das Vereinsjahr 1887 geschrieben: „Vermöge einer größeren Anzahl musikalisch begabter Mitglieder war der Verein in der Lage, dem „Comité zur Wiederherstellung des Martinspfades in Bessungen“ eine thatkräftige Unterstützung durch Veranstaltung eines Gartenconcertes zukommen zu lassen.“ Ergänzend zu den vereinsinternen Berichten findet sich beispielsweise in der Darmstädter Zeitung vom 12. Juni 1890 eine Ablaufbeschreibung einer solchen Veranstaltung. Danach wurde zunächst im Saal der Restauration Haust ein Vokal- und Instrumentalkonzert gebracht, bei dem neben Vereinsmitgliedern auch professionelle Musiker und Sänger auftraten.
Es schloß sich daran ein Gartenkonzert im festlich beleuchteten Haust´schen Garten an. Wetterbedingt gab es vereinzelt auch Terminverschiebungen und man muß dann entsprechend länger nach einer Zeitungsbesprechung suchen. Bisher nachgewiesen sind diese Veranstaltungen in der Darmstädter Zeitung für 1890, 1892 und 1895. Sie wurden zwangsläufig eingestellt mit der Aufgabe der Restauration Haust als Vereinslokal des Akademischen Vereins im WS 1895/96.

Auch in einem Kapitel der Festschrift zum 100jährigen Hochschuljubiläum von 1936 (sie kam 2005 in unser Archiv) werden die Martinspfadveranstaltungen des Akademischen Vereins gewürdigt: „Der Akademische Verein hat in früheren Jahren jährlich im Haust´schen Garten, Ecke Herdweg und Martinstraße, Abendkonzerte abgehalten, aus deren Ergebnis der sogenannte Martinspfad verbreitert und angepflanzt wurde“ (S.252). Diese Anpflanzung war im Jahre 1936 zu „Schatten spendenden Bäume“(n) herangewachsen, nur leider stammen die heute dort stehenden Kastanienbäume nicht mehr aus der Zeit. Garten und Gebäude der Restauration sind ebenfalls verschwunden, ebenso wie der Städtische Saalbau, Ecke Riedesel-Saalbaustraße (heute Stauffenbergstraße).

Was als einziges Relikt erhalten blieb, ist das Goethe-Denkmal im Herrngarten, für dessen Errichtung der Akademische Verein am 8. März 1902 eine Benefizveranstaltung ausrichtete. Einzelheiten können beigefügter Kopie der Annonce aus dem Darmstädter Tagblatt entnommen werden. Zu den Hintergründen enthalten die im vorletzten Jahr digitalisierten Protokolle der Vereinsversammlungen des Akademischen Vereins im Zeitraum 1899-1905 einige Angaben. Danach hatte der erste Vorsitzende des Goethebundes den 1. Vorsitzenden des Akademischen Vereins zu sich eingeladen, mit dem „Ersuchen an den Verein zu Gunsten eines Goethedenkmals eine Festlichkeit zu veranstalten. Der Goethebund stellt dem A.V. anheim in welcher Art die Festlichkeit sein solle“ (23.10.1901, S.78). Später bestätigte der Goethebund schriftlich, „daß er das Risiko für eine musikalisch-dramatische Aufführung übernehmen wird. Jedoch nicht für einen Ball.“ (S.80). Ein großer Teil der handschriftlichen Protokolle ist in Deutscher Schrift geschrieben und vermutlich wurden sie auch deshalb nie mehr systematisch gelesen. Insofern existiert mit der kürzlich erstellten elektronischen Abschrift eine weitere neue Quelle. Zusammenfassend verhilft uns das neu entdeckte Quellenmaterial mit den Zeitungstexten zu einem besseren Verständnis der Geschehnisse in den ersten 30 Vereinsjahren und es wird deutlicher, wie die Benefizveranstaltungen zu Glanzpunkten unserer Vereinsgeschichte wurden. Was jetzt noch bliebe, wäre eine Übersetzung des seinerzeitigen Kürzels A.V..

Sie könnte lauten: „Attraktiv und Vorbildhaft“.